{"id":48302,"date":"2019-04-24T22:00:00","date_gmt":"2019-04-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tax.konradin-online.de\/?p=48302"},"modified":"2019-04-24T22:00:00","modified_gmt":"2019-04-24T22:00:00","slug":"die-kosten-des-rauchens-fuer-die-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tax.konradin-online.de\/?p=48302","title":{"rendered":"Die Kosten des Rauchens f\u00fcr die Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>DORTMUND \/\/<\/strong> Das Rauchen belastet nicht, sondern entlastet eher die Sozialversicherten und Steuerzahler. Das sagt Florian Steidl, der an der Hochschule Rhein Main lehrt. Steidl referierte zu diesem Thema auf der diesj\u00e4hrigen MUT-Mitgliederversammlung, zu der der Vorsitzende und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Horst Goetschel gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Cay Uwe Vinke und Marco Schum nach Dortmund eingeladen hatte. DTZ druckt nachfolgend eine Zusammenfassung des Vortrags von Steidl ab.<\/p>\n<p>Mithilfe einer L\u00e4ngsschnittbetrachtung von Querschnittsdaten werden bei der Untersuchung erstmals die extern anfallenden Nettokosten des Rauchens in Deutschland saldiert. Die Berechnung ist ausgabenorientiert und ber\u00fccksichtigt die gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen. Sie basiert weitgehend auf Datenmaterial f\u00fcr Deutschland. Im Ergebnis f\u00fchrt Rauchen netto eher zu einer Entlastung als zu einer Belastung von Sozialversicherten und Steuerzahlern.<\/p>\n<p><strong>Funktion einer Pigou-Steuer<\/strong><br \/>\nWeitere Tabaksteuererh\u00f6hungen lassen sich daher aus blo\u00dfer Kostenperspektive schwer rechtfertigen. In Deutschland hat die Tabaksteuer aufgrund ihrer Aufkommensst\u00e4rke von zuletzt etwa 14 Milliarden Euro im Jahr gro\u00dfe fiskalische Bedeutung. Die Tabaksteuer wird freilich nicht nur zu Einnahmezwecken erhoben, sie soll daneben eine gesundheitspolitische Lenkungsfunktion \u00fcbernehmen. Tabakrauchen f\u00fchrt nicht nur zu Krankheiten, sondern auch zu einem vorzeitigen Tod. Beide Effekte l\u00f6sen sowohl Kosten als auch Ersparnisse in den Systemen der sozialen Sicherung und der Beamtenversorgung aus, die im Allgemeinen nicht den Rauchern individuell angelastet werden, sondern der Gemeinschaft der Versicherten und den Steuerzahlern. Die Tabaksteuer \u00fcbernimmt daher auch die Funktion einer Pigou-Steuer. Sie preist die externen Kosten des Tabakkonsums ein, sprich: jene Kosten, die nicht von den Rauchern selbst getragen werden.<\/p>\n<p>Raucher w\u00e4lzen \u00fcber die Sozialversicherung und die Beamtenversorgung die fiskalischen Folgekosten erh\u00f6hter Sterblichkeit auf die Nie-Raucher ab. Allerdings entstehen durch die durchschnittlich k\u00fcrzere Lebenserwartung von Rauchern auch Ersparnisse in der Sozialversicherung und der Beamtenversorgung. Die Saldierung dieser Kosten und Ersparnisse ergibt die externen Nettokosten des Rauchens. Die bisherige Forschung ber\u00fccksichtigt nicht die verk\u00fcrzte Lebenszeit der Raucher und \u00fcbersch\u00e4tzt mithin die Kosten des Rauchens.<\/p>\n<p>Welche Effekte des Tabakkonsums sind unter Beachtung der institutionellen Gegebenheiten in Deutschland extern? Wie hoch ist das externe Kosteninkrement bei Ber\u00fccksichtigung der Fr\u00fchsterblichkeit von Rauchern? Welche Schl\u00fcsse ergeben sich daraus f\u00fcr die Ausgestaltung einer Tabaksteuer?<\/p>\n<p><strong>Lebenserwartung von Rauchern<\/strong><br \/>\nEingebettet in einen wohlfahrts\u00f6konomischen Referenzrahmen werden die Bestandteile einer Externalit\u00e4tenrechnung unter Beachtung der institutionellen Ausgestaltung des Sozialversicherungssystems und der Beamtenversorgung in Deutschland identifiziert. Die Berechnung der tabakkonsumbedingten Sterblichkeit ergibt 99&#8201;000 Todesf\u00e4lle pro Jahr. Rauchen verk\u00fcrzt die Lebenserwartung der M\u00e4nner um durchschnittlich 5,6 Jahre. Bei Frauen sind es 4,4 Jahre.<\/p>\n<p>Der gew\u00e4hlte Modellansatz simuliert aufgrund der schwierigen Datenlage einen Lebenszyklus, bei dem der Bev\u00f6lkerungsquerschnitt des Basisjahres 2011 auf einen L\u00e4ngsschnitt umgelegt wird. F\u00fcr jedes Altersjahr der gegebenen Realbev\u00f6lkerung aus Aktiv-, Ex- und Nie-Rauchern (Status-quo-Bev\u00f6lkerung) sowie der strukturell identischen Modellpopulation aus Nie-Rauchern werden Einzelbarwerte der jeweils \u00fcber den Restlebenszyklus anfallenden Ausgaben f\u00fcr medizinische Leistungen, gesetzliche Renten und Beamtenpensionen ermittelt und \u00fcber alle Alter kumuliert. Die Differenz der Gesamtbarwerte der Status-quo-Bev\u00f6lkerung und der Nie-Raucher-Bev\u00f6lkerung ergibt die abgezinsten externen Nettokosten des Rauchens. Die Ergebnisse sind indikativ und gelten unter den im Jahr 2011 herrschenden institutionellen Rahmenbedingungen, den getroffenen Modellannahmen sowie den verf\u00fcgbaren Daten. Der kumulierte Barwert der externen Nettokosten des Rauchens beider Geschlechter bel\u00e4uft sich auf -36,4 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>Zus\u00e4tzliche Aufwendungen<\/strong><br \/>\nRauchen f\u00fchrt demnach zu negativen externen Nettokosten, das hei\u00dft Einsparungen aus der Perspektive der Steuer- und Beitragszahler. Darin enthalten sind auf der Kostenseite insbesondere medizinische Mehrkosten in H\u00f6he von 65,2 Milliarden Euro, 18,5 Milliarden Euro Zusatzaufwendungen an Erwerbsminderungsrente sowie 53,0 Milliarden Euro an Witwenrenten.<\/p>\n<p>Die Nettoersparnisse an Altersrenten und Ruhegeh\u00e4ltern belaufen sich auf 158,4 beziehungsweise 35,5 Milliarden Euro. Dieser auch als \u201eDeath benefit\u201c bezeichnete Effekt \u00fcberkompensiert die Summe aller Kostenkomponenten. M\u00e4nnliche Raucher verursachen unter dem Strich knapp acht Mal h\u00f6here Einsparungen als weibliche Raucher. Der Barwert aller Tabaksteuereinnahmen betr\u00e4gt 375,7 Milliarden Euro und \u00fcbersteigt die Summe der aggregierten externen Nettokosten des Rauchens bei weitem. Tabaksteuern lassen sich demnach aus einer an den externen Nettokosten des Rauchens orientierten Perspektive nur schwer motivieren.<\/p>\n<p>Das ist auch dann der Fall, wenn statt rationalen Rauchern ein Verhalten unterstellt wird, das keinem zeitkonsistenten Konsumplan unterliegt. Raucher rauchen dann stets mehr als geplant. Abhilfe schafft eine Tabaksteuer, die neben den externen Nettokosten auch einen Teil der privaten Kosten internalisiert. Der absolute Unterschied zwischen den externen Nettokosten und den Tabaksteuereinnahmen ist jedoch so gro\u00df, dass die Einnahmen die Summe aus externen Kosten und den individuellen Sch\u00e4den, die der zeitinkonsistente Teil der Raucherschaft nicht ins Kalk\u00fcl zieht, \u00fcbersteigen d\u00fcrften. Die Variation der gew\u00e4hlten Parameter in einer Sensitivit\u00e4tsanalyse best\u00e4tigen die Ergebnisse. <i>red<\/i><\/p>\n<p>(DTZ 18\/19)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DORTMUND \/\/ Das Rauchen belastet nicht, sondern entlastet eher die Sozialversicherten und Steuerzahler. Das sagt Florian Steidl, der an der Hochschule Rhein Main lehrt. Steidl referierte zu diesem Thema auf der diesj\u00e4hrigen MUT-Mitgliederversammlung, zu der der Vorsitzende und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Horst Goetschel gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Cay Uwe Vinke und Marco Schum nach Dortmund eingeladen hatte. 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