{"id":37186,"date":"2008-09-03T22:00:00","date_gmt":"2008-09-03T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tax.konradin-online.de\/?p=37186"},"modified":"2025-03-05T07:55:33","modified_gmt":"2025-03-05T07:55:33","slug":"die-feuerige-seele-spaniens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tax.konradin-online.de\/?p=37186","title":{"rendered":"Die feuerige Seele Spaniens"},"content":{"rendered":"<h3>Der Brandy de Jerez war f\u00fcr eine lange Zeit das Lieblingsgetr\u00e4nk von vielen Zigarrengenie\u00dfern<\/h3>\n<p>[pic|90|l|||Domecq in Aktion|||]<\/p>\n<p><strong>JEREZ DE LA FRONTERA (DTZ\/lb).<\/strong> \u00dcber Jahrhunderte erlebte der spanische Brandy de Jerez in Europa eine wahre Bl\u00fctezeit und mauserte sich zum absoluten Lieblingsgetr\u00e4nk f\u00fcr Zigarrenliebhaber. Erst in den 80er Jahren wurde es \u00fcberraschend still um den edlen Tropfen, denn zahlreiche neue Modecocktails verdr\u00e4ngten den Klassiker pl\u00f6tzlich aus den Bars und lie\u00dfen sogar das Vorurteil entstehen, der Weinbrand sei nur noch das Getr\u00e4nk alter M\u00e4nner, die im Ohrensessel rauchend \u00fcber den Lebensabend nachdenken. In den letzten Jahren erlebte der Brandy jedoch eine \u00fcberraschend glorreiche Wiedergeburt. Nicht nur f\u00fcr die Winzer Andalusiens eine feine Sache, denn wer einmal bei einer guten Zigarre das feine Bouquet aus Mandeln, Beeren und N\u00fcssen eines Solera Gran Reserva probiert hat, der wird den Altmeister des guten Geschmacks nicht mehr missen wollen.<\/p>\n<p> Langsam kriecht die andalusische Sonne den Himmel empor. Es ist gerade mal zehn Uhr morgens, und doch liegt die Hitze bereits mit erdr\u00fcckenden 40 Grad flirrend auf den Weinfeldern von Jerez de la Frontera. Dass bei diesen Temperaturen das Gold Spaniens \u2013 die Palomino-Weintrauben \u2013 gedeihen sollen, erscheint kaum vorstellbar. <\/p>\n<p> <i>\u201eAndalusiens Geheimnis\u201c<\/i><br \/> Beltr?n Domecq, Spross eines \u201ehochprozentigen Adelsgeschlechts\u201c, macht sich dar\u00fcber jedoch keine Sorgen. <\/p>\n<p> Gut gelaunt begr\u00fc\u00dft er eine Gruppe Besucher, um sie in die Wunder des andalusischen Klimas und die Brandyherstellung einzuf\u00fchren. Wie ein z\u00e4rtlicher Liebhaber streift er an seinen Reben vorbei, kniet auf dem staubigen Boden nieder und l\u00e4sst bed\u00e4chtig einen Haufen Erde durch die Finger rinnen. \u201eDas ist Andalusiens Geheimnis\u201c, bemerkt er bedeutungsschwanger, \u201edieses blasse St\u00fcck Erde.\u201c <\/p>\n<p> Keine Frage, sein Auftritt ist filmreif. Als w\u00fcrde Scarlett O`Hara theatralisch \u00fcber ihr geliebtes Tara reden. Das Aha-Erlebnis der Zuschauer bleibt trotzdem aus. Domecq nimmt es jedoch gelassen, ist die Reaktion l\u00e4ngst gew\u00f6hnt. \u201eDer Boden hier besteht aus der Albariza\u201c, erkl\u00e4rt er geduldig und klopft sich den Staub von der Hose, \u201eeine kalkhaltige Erde, die wie ein Schwamm das sp\u00e4rliche Regenwasser speichert und uns so die besten Trauben f\u00fcr die Weinherstellung schenkt.\u201c<\/p>\n<p>[pic|91|r|||In stilvollen Hallen mit hohen Gew\u00f6lben lagern die Brandy-F\u00e4sser.|||]<\/p>\n<p><i>\u201eDie Spirituosenbarone\u201c<\/i><br \/> Er muss es wissen, denn schlie\u00dflich erkannte kaum jemand den Reichtum des andalusischen Bodens so fr\u00fch wie seine Familie. Genauer gesagt: Pedro Domecq Lebaye. Ein Franzose, der 1730 in die Stadt kam, um zusammen mit seinem Freund Juan Haurie und dem Iren Patrick Murphy die ersten eigenen Reben anzupflanzen und den damals schon begehrten Sherry zu produzieren. Die trockenen Finos, w\u00fcrzigen Olorosos, lieblichen Creams und karamellfarbenen Amontillados, die oft erst \u00fcber Jahrzehnte in amerikanischen Eichenf\u00e4ssern lagern mussten, bevor sie perfekt gereift die Bodegas verlassen konnten, begeisterten mit ihrem weihnachtlich duftenden Bouquet anf\u00e4nglich nur die britische Oberschicht, bald schon ganz Europa und bescherten Jerez schlie\u00dflich den Ruf als Mekka der reichsten Spirituosenbarone der Welt.<\/p>\n<p> <i>Ohne Sherry kein Brandy<\/i><br \/> Es ist durchaus kein Nebenschauplatz, auf den Beltr\u00e1n Domecq mit der Geschichte des Sherrys abgleitet. Denn ohne ihn h\u00e4tte es den Brandy tats\u00e4chlich nie gegeben. Auch wenn dieser seine Entstehung eigentlich nur einem unerh\u00f6rten Zufall verdankt, den der Andalusier gleich zum Besten gibt. Kein Wunder, immerhin war es einer seiner Vorfahren, der den Weinbrand \u201aerfand\u2019: \u201eMein Urahn Pedro Domecq Lustau erhielt eines Tages die Bestellung eines holl\u00e4ndischen Abnehmers, der Weinalkohol orderte\u201c, erinnert er sich, \u201edoch pl\u00f6tzlich stornierte dieser den Auftrag. Den kostbaren Stoff einfach verkommen zu lassen, w\u00e4re nat\u00fcrlich viel zu schade gewesen. Domecq Lustau lie\u00df ihn daher einfach in leeren Sherry-F\u00e4ssern zwischenlagern\u201c. Erst Jahre sp\u00e4ter \u2013 die Restposten waren fast vergessen \u2013 kostete er die aufgehobene Ware und stellte \u00fcberrascht fest, dass die Reifung dem Alkohol nicht nur eine samtig dunkle Farbe, sondern auch ein v\u00f6llig neues Bouquet verliehen hatte, indem er das Sherryaroma absorbiert und im Laufe der Jahre einfach weiter veredelt hatte. <\/p>\n<p> Die erste Brandy-Marke<br \/> 1874 brachte Domecq mit dem \u201eFundador\u201c weltweit die erste Brandy-Marke auf den Markt, verfeinerte das so genannte Solera-Prinzip, in dem der Branntwein immer wieder mit jungem Alkohol verfeinert und so f\u00fcr ganze Jahrhunderte haltbar gemacht werden konnte und galt bald schon als reichster Mann Andalusiens. \u201eUm in Jerez wer zu sein, muss man entweder ein Pferd sein oder ein Domecq\u201c, lautet seitdem ein gefl\u00fcgeltes Wort in der Region. Dass dieses unver\u00e4ndert stimmt, merkt man auch heute noch.  Ein Denkmal Domecq Lustaus, Domecq-F\u00e4sser als Stra\u00dfenschmuck sowie Domecq-Bars und Restaurants erinnern in Jerez de la Frontera an jeder Ecke daran, wer hier schon seit Urzeiten das Sagen hat. Selbst die vielen Zigarrenclubs der City huldigen mit Vorliebe dem Domecq-Brandy auf besondere Art und laden regelm\u00e4\u00dfig zu speziellen Verkostungen ein, bei denen f\u00fcnfg\u00e4ngige Drei-Sterne Men\u00fcs und beste Havanna-Zigarren das edle Mandelaroma zum Beispiel eines \u201eDuque de Veragua\u201c genussvoll unterstreichen. <\/p>\n<p> <i>Ideale Kombination mit Zigarren<\/i><br \/> Ein Thron, auf dem sich der Brandyhersteller gl\u00fccklicherweise international aber nicht mehr ausruhen kann, denn l\u00e4ngst haben auch andere Firmen die Glut Andalusiens f\u00fcr sich entdeckt und produzieren in der Region Gran Soleras vom Feinsten. Spitzenbrandys wie zum Beispiel einen \u201eCardenal Mendoza\u201c aus dem Hause Sanchez Romate, ein \u201eLepanto\u201c des alteingesessenen Traditionsunternehmens Gonzalez Byass, ein \u201cGran Duque d\u2019Alba Oro\u201d der Bodega Williams &#038; Humbert oder aber ein \u201eConde de Osborne\u201c des gleichnamigen Unternehmens Osborne, dessen schwarzer Bulle heute auch stolz die Stra\u00dfe nach Jerez ziert und zum Markenzeichen der andalusischen Metropole wurde.<\/p>\n<p> Dass die braunen \u201eTabakstangen\u201c und das Edelgetr\u00e4nk auch unabh\u00e4ngig von allen Marken in Jerez wie selbstverst\u00e4ndlich zusammengeh\u00f6ren, stand dabei auch schon f\u00fcr prominente G\u00e4ste wie Winston Churchill, Steven Spielberg, Pablo Picasso oder Rod Taylor fest, die im schweren, alkoholgeschw\u00e4ngerten Duft einer der vielen Bodegas mit Kreidestiften ihr Autogramm auf eines der Brandy-F\u00e4sser kritzelten und sich anschlie\u00dfend in einer der zahlreichen Bars nur allzu gerne von der besonderen Genusskombination umnebeln lie\u00dfen. <\/p>\n<p>[pic|92|l|||Oft sind die F\u00e4sser mit geschnitzten Motiven versehen und dienen auch als Stra\u00dfenschmuck.|||]<\/p>\n<p>Doch so sch\u00f6n die Erfolgsstory des Edelbranntweins auch klingt, so viele Schattenseiten durchlief sie auch. Ricardo Rebuelta, Generaldirektor der staatlichen Kontrollbeh\u00f6rde Consejo Regulador kennt sie genau: \u201eDank unserer Initiative darf sich seit 1984 nur noch der Brandy aus der Region des Sherry-Dreiecks als \u201eBrandy de Jerez\u201c bezeichnen, wobei dieser aber noch 42 weitere streng kontrollierte Auflagen erf\u00fcllen muss\u201c, erkl\u00e4rt er. Der Grund: Im Laufe der Zeit gab es zahlreiche internationale F\u00e4lschungen, die dem Ruf des andalusischen Branntweins schwer geschadet haben. Der sinkende Export von einst 400 Millionen auf gerade noch 75 Millionen Flaschen wurde durch die neuen, scharfen Kontrollen allerdings nicht verhindert. \u201eSchuld daran waren auch die Modegetr\u00e4nke wie Whisky-Cola und Gin-Tonic, die den Brandy seit den 80er Jahren pl\u00f6tzlich aus der Barkultur verdr\u00e4ngten\u201c, erinnert sich Rebuelta.<\/p>\n<p> <i>Neue Vermarktungschancen<\/i><br \/> Kein Wunder, dass die Brandybarone damals pl\u00f6tzlich erschrocken aus ihrem verw\u00f6hnten High-Society-Schlaf erwachten, nach Jahrhunderten des s\u00fc\u00dfen M\u00fc\u00dfiggangs die Stierk\u00e4mpfe und Pferderennen erstmals in der Stadt ignorierten, aus ihren Bougainville bewachsenen maurischen Pal\u00e4sten heraus kamen und sich um neue Vermarktungschancen k\u00fcmmerten. Schlie\u00dflich wurden die Tore der Bodegas gegen Eintritt f\u00fcr Besucher ge\u00f6ffnet. Ein sinnlicher Schulterschluss mit der andalusischen Kultur, die feuriger nicht sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p> Denn w\u00e4hrend in den Bars das Leben zu den Flamencokl\u00e4ngen der Zigeuner tobt, \u201cchiringuitos\u201d, kleine Restaurants mit Holzkohlegrill, Spezialit\u00e4ten aus der regionalen K\u00fcche oder die ber\u00fchmten Tapas offerieren, kann man direkt nebenan in den Bodegas die hohe Kunst der Brandyherstellung live erleben und erkosten. Die Liebe zum Weinbrand wurde da schon oft innerhalb von wenigen Minuten neu entfacht. <\/p>\n<p> Ricardo Rebuelta blickt jedenfalls wieder beruhigt in die Zukunft: \u201eSherry time is any time. Diese Weisheit hat schon die englische Queen erkannt.\u201c Er lacht. \u201eUnd nach dem Solera-Prinzip gilt ja bekanntlich: was der Sherry schafft, das wird der Brandy noch verbessern.\u201c<\/p>\n<p> (DTZ 36\/08)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Brandy de Jerez war f\u00fcr eine lange Zeit das Lieblingsgetr\u00e4nk von vielen Zigarrengenie\u00dfern [pic|90|l|||Domecq in Aktion|||] JEREZ DE LA FRONTERA (DTZ\/lb). \u00dcber Jahrhunderte erlebte der spanische Brandy de Jerez in Europa eine wahre Bl\u00fctezeit und mauserte sich zum absoluten Lieblingsgetr\u00e4nk f\u00fcr Zigarrenliebhaber. 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